26.07.2011, Die böse Hexe lockt mit Chips
shz, 26.07.2011
US-amerikanische Gäste lassen Humperdincks Oper “Hänsel und Gretel” bei den Eutiner Festspielen in der Gegenwart spielen.
Selten hat ein Publikum so leibhaftig mit den Protagonisten gelitten. Im finsteren Wald mit kalten Füßen zitterten nicht nur Humperdincks “Hänsel und Gretel”, sondern auch die Besucher. Wegen strömenden Regens bereits von Freitag auf Sonntag verschoben, wurde die Premiere von enervierendem Dauergeriesel begleitet. Entsprechend dünn waren die Ränge besetzt. Bereuen musste die nasse Nacht indessen niemand. Wer sich durch den Matsch getraut hatte, erlebte eine pfiffige Inszenierung, die dem 118 Jahre alten Märchenspiel die Tür in die Gegenwart aufstößt.
Was macht man, wenn das Stück, das die Gäste aus Kansas (die den gebeutelten Festspielen ja in eine weitere Saison verholfen haben) mitbringen, eines ist, das seit Jahren auf den vorweihnachtlichen Programmen des Landes zu finden ist? Man führt es auf und macht den Vergleich mit einheimischen Knusperhäusern zum Genuss! In Eutin hat Regisseur Jörg Fallheier dem vermeintlichen Weihnachtsspiel alle sentimentalen Accessoires abgeklopft: Die arme Besenbinderfamilie hungert sich zwischen Graffiti, Wellblech und Mülltonnen durch den tristen Alltag. „Endlich mal!“, ist man versucht zu rufen, denn hungernde Kinder sind im fetten Westen bekanntlich längst kein Phänomen mehr, das nur im Märchen vorkommt. Und da gelingt den Eutinern eine durch und durch stimmige Inszenierung.
Mutter Gertrud Besenbinder ist eine verzweifelt überforderte Frau, Vater Peter ein Mann mit Alkoholproblem. Das pubertär-wilde Hänsel und das um Ausgleich ringende Gretel müssen in dieser Umgebung emotional wie körperlich zu kurz kommen und sind entsprechend verführbar. Und was eine anständige moderne Hexe ist, die tut dies mit Chips und Unterhaltungselektronik. Holly White rüstet diese Rolle mit deutlich pädophilen Zügen aus. Dass dies nicht widerwärtig wird, sondern die zweifellos verstaubte Geschichte neu erhellt, zeugt von der Qualität des Spiels.
Unüberhör- und unübersehbar ist die Jugend der Protagonisten. Die hübschen Stimmen Annalize Sussmans (Hänsel) und Etta Fungs (Gretel) sind ausbaufähig, Hänsels Spiel blieb auch auf glitschiger Bühne unbeschwert und geradezu rührend war Gretels besorgte Suche nach Augen und Händen des Dirigenten. Am Pult lenkte Rudolf Piehlmayer das Symphony Orchestra aus Kansas durch das Regentief. David Neely, der eigentlich die musikalische Leitung innehaben sollte, war vom US-Wetter ausgebremst worden. Aber auch Piehlmayer konnte nichts gegen Regen und Kälte ausrichten, die die Blechbläser bisweilen heftig und laut nach Posaunenchor klingen ließen. Die Stimmen der Besenbinder-Eltern (Robert McNichols, Kristian Noel Bucy) soffen dabei wiederholt ab. Ob auch sie Opfer der Witterung waren, wird sich in den weiteren Vorstellungen zeigen.
Aber ganz ehrlich – grundlegend gestört haben die Mängel nicht. Waren die Lücken im Zuschauerraum auch groß, die Begeisterung war am Ende größer. Und so wird in dieser 61. Festspiel-Saison mit “Hänsel und Gretel” ein Märchen wahr: Dass Herzblut routiniertes Spiel nicht nur wettmachen, sondern überflügeln kann.
Weitere Vorstellungen des Märchenspiels “Hänsel und Gretel”: am 29., 30. und 31. Juli sowie am 6. August 2011 jeweils um 21 Uhr.
Karin Lubowski










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