18.07.2011, Ein hinreißender Wüstling

shz, 18.7.2011

Mit “Don Giovanni” kann vieles daneben gehen: Wer Mozarts Frauenvernascher mit zuviel Moralinsäure beikommt, verdirbt den Ernst, wer keine Grenzen setzt, vermurkst den Spaß. Bei der Eutiner Inszenierung läuft da alles rund: Das “Dramma giocoso” aus dem Jahr 1787 kommt als Mantel- und Degenfest mit fein austarierten Charakteren und grandiosen Stimmen daher – wie geschaffen für einen Neuanfang auf Ostholsteins grünem Hügel…Eutins erste Oper der Saison nimmt schnell Fahrt auf.

Rudolf Piehlmayer leitet das Symphony Orchestra aus Eutins US-Partnerstadt Lawrence (Kansas) geschmeidig durch die beiden Akte. Die Musiker waren den wirtschaftlich bedrängten Ostholsteinern unentgeltlich zur Hilfe gekommen und erweisen sich nun als Glücksfall für Musikfreunde.

Ein Glücksfall für die zum Erfolg verdammte Neue Eutiner Festspiel GmbH ist Mozart. Wo der ist, ist die Leidenschaft nicht weit und wird auch von denen entdeckt, denen die Opernszene weniger vertraut ist. Jörg Fallheier baut diese emotionale Bindung noch weiter aus. Die Ausstattung macht keine Experimente mit Bühne und Kostümen. Mantel, Degen und Perücken vor simuliertem Marmor – das mag nicht modern sein, schön anzusehen und stimmig ist es allemal. 

Zum Liebenswürdigsten der Eutiner Inszenierung zählen die hilfreich ausgestreckten Hände, mit denen Fallheier auf Opern-Neulinge zugeht: Ein Erzähler (Rainer Wulff) fasst das Wichtigste der Szenen jeweils auf Deutsch und immer mit kleinen Spitzen zusammen, dann wird wie einst bei der Prager Uraufführung in italienischer Sprache gesungen und das durchweg in einer Qualität, die die Zuschauer schon nach wenigen Minuten zu Szenenapplaus hinreißt.

Dem Titel nach dreht sich alles um Don Giovanni. Jorge Lagunes gibt dem Wüstling nicht nur eine gewaltige Stimme, sondern auch ein faszinierendes Spiel, das fein justiert mit den weiteren Rollen korrespondiert: dem kecken Diener Leporello (grandios gegeben von Alik Abdukayumov), vor allem aber mit denen der “Opfer” – Maria Matos als bedrängte Donna Anna, Kinga Dobay als betrogene Donna Elvira, Tatiana Larina als naive Zerlina. So muss sich Mozart seine Oper vorgestellt haben.

Das Publikum ist hingerissen, auch – das ist in Eutin immer Thema – weil die Nacht trocken und der Himmel schließlich nahezu wolkenlos ist. Den Vollmond gibt es gratis dazu. Man dankt mit italienischem Applaus.
Karin Lubowski