26.07.2011, Hänsel und Gretel tanzen Pogo

Lübecker Nachrichten, 26.7.2011

Das Wetter führte Regie: Die Premiere von Engelbert Humperdincks Märchenoper „Hänsel und Gretel“ war wegen Regens von Freitag auf Sonntag verschoben worden. Nun nieselte es am Sonntagabend auch, aber Spielleiter Jörg Fallheier versprach dem Publikum: „Nur vorübergehend. Das hört bald auf.“ Er habe gesicherte Informationen von berufsmäßigen Meteorologen. Tatsächlich hörte das Nieseln auf – und machten einem ordentlichen Landregen platz.

Rund 300 in Plastikfolie verpackte Zuschauer kauerten sich im Zentrum der 1860 Menschen fassenden Freilichtarena am Eutiner See und versuchten, sich auf das musikalische und szenische Geschehen auf der Bühne und den Klängen aus dem Orchestergraben zu konzentrieren. Dort hatte wieder das Kansas University Symphony Orchestra Platz genommen, das auch die erste Spielzeitpremiere, Mozarts „Don Giovanni“, solide begleitet hatte. Nach kleinen Intonationsproblemen in der Ouvertüre – die Luftfeuchtigkeit machte den Instrumenten zu schaffen, die Hörner mussten sich beim Thema des Schutzengelchorals erst zusammenfinden –, bewältige die Truppe unter Leitung von Rudolf Piehlmayer auch die volksliedhafte Tonsprache des Richard-Wagner-Assistenten Humperdinck.

Die Sängerinnen und Sänger waren diesmal keine bewährten Opernkräfte, sondern ebenfalls fortgeschrittene Studenten aus den USA. Sie kämpften nicht nur mit den Tücken der deutschen Sprache, die das Singspiel aus den 1890er Jahren verlangt, sondern mussten auch gegen Wind und Regen ansingen.

Fallheier hat das Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm vom deutschen Waldrand an die städtische Peripherie zwischen Wellblech, Graffiti und Mülltonnen gelegt (Bühne und Kostüme: Ursula Wandaress). Wer nun meinte, dass sich hier naive Lieder wie „Brüderchen, komm tanz mit mir, / beide Händchen reich’ ich dir“ unpassend ausnehmen, wurde von den darstellerischen Fähigkeiten von Etta Fung (Gretel) und Annelize Sussman (Hänsel) eines besseren belehrt. Den beiden gelang der Spagat zwischen urban-juvenilem Imponierpose und romantischer Innigkeit mit Ironie und Spielwitz.

Das Libretto unterstützt den großspurigen Hänsel, wenn er seine Schwester bescheidet: „Geh weg von mir, geh weg von mir, / ich bin der stolze Hans! / Mit kleinen Mädchen tanz’ ich nicht, / das ist mir viel zu dumm!“ Beide, die Mezzosopranistin Sussman und die Sopranistin Fung, erweisen sich bei aller pubertären Ausgelassenheit – sie spielen Luftgitarre mit Besen oder tanzen Pogo – stimmsicher und souverän im musikalischen Ausdruck.

Wenn dann die Mutter ins Geschehen hereinplatzt (Kristian Noel Bucy) und etwas schwarze Pädagogik walten lässt – sie zieht den Kindern die Ohren lang, schickt die Brut in den Wald („Und bringt ihr den Korb nicht voll bis zum Rand, / so hau’ ich euch, dass ihr fliegt an die Wand!“) –, wird die Prekariatsfamilie schön karikiert. Hier herrschen neben Hunger auch Jähzorn und einfache körperliche Gewalt – und auch der Alkohol, wenn der berauschte Vater (Robert McNichols Jr.) auftaucht.

Eine wahre Erscheinung kommt dann mit der Knusperhexe auf die Bühne. Holly White gibt sie stimmgewaltig als Matrone, die sich ständig den Busen rafft, dramatisch aufjault, die Kinder mit Chips und Marshmallows anlockt, sie mit den Produkten von McDonald’s mästet und den Hänsel in eindeutig erotischer Absicht betatscht.

Der Auftritt des fabelhaften Kinderchores, den wieder Gabriele Pott einstudiert hat, das Verfeuern der Hexe im Backofen samt Feuerwerk und überhaupt das Happyend ging dann bei der Premiere zu später Stunde etwas im Regenrauschen unter.

Ganz bestimmt kann das eine wunderbare Aufführung sein, die schöne Bilder bietet, aber sich auch nicht vor der Beschwörung von kindlichen Alpträume scheut – in einer lauen, trockenen, sternenbeschienenen Sommernacht. Sie wird kommen.

Michael Berger